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Gedenken an die Pogromnacht 1939

9. November

Aufgrund der aktuellen Corona-Beschränkungen entfällt die Gedenkveranstaltung zur Pogromnacht am 9. November 2020. An der Gedenktafel vor dem Rathaus wird um 19.30 Uhr lediglich ein stilles Gedenken ohne Öffentlichkeit stattfinden. Der Gedenktag soll aber auch in Zeiten der Pandemie nicht in Vergessenheit geraten. Lesen Sie deshalb hier die überarbeite Rede von Pfarrer Kaarlo Friedrich:

82 Jahre ist es jetzt her. Am 9. November 1938 brannten in Deutschland die Synagogen, Geschäfte und Häuser der jüdischen Mitbürger – und auch mitten in Büdesheim. Heute erinnern wir daran. Wir denken an die Opfer der November-Pogrome. Wir gedenken heute der jüdischen Menschen, der Getöteten und der an Leib und Seele Verletzten. Wir verneigen uns vor den Opfern.

 

Wir gedenken der sechs Millionen Toten, die starben, als der Wahn die Welt beherrschte und der Irrsinn auf der Erde sein Unwesen trieb. Wir gedenken derer, die wir kannten, und derer, von denen nicht einmal der Name übrigblieb. Wir trauern um alles, das mit ihnen starb: Ihre Güte und ihre Weisheit, die die Welt hätten bewahren können, die so viele Wunden hätten heilen können. Wir trauern um die Genialität und den Humor, der gestorben ist, um die Gelehrsamkeit und das Lachen, das verloren ging. Die Welt ist ärmer geworden. Unsere Herzen frieren, wenn wir an den Glanz denken, der hätte sein können.

 

Eine Pogrom-Nacht gab es in Büdesheim nicht. Nein. Es geschah am helllichten Tage.

 

Beim November-Pogrom 1938 hier mitten in Büdesheim wurde die Synagoge zerstört, jüdische Wohnungen und Geschäfte wurden überfallen und geplündert. Ja, hier, wir können hinschauen: In der Riedstraße, der Südlichen Hauptstraße, der Schmiedgasse und der Schulstraße wurden jüdische Mitbürger gedemütigt und entrechtet. Hier mitten in Büdesheim. Ganz gleich, wer, wo wohnte, ab dem 9. November 1938 wusste jeder Bescheid. Was die Stunde geschlagen hat. Wie gefährlich die Nazis waren.

 

Daran gedenken wir, reden darüber und schweigen nicht. Wir gedenken, um die Opfer zu ehren. Wir gedenken, weil dies hilft, Wunden zu heilen. Und wir gedenken, weil wir nie wieder zulassen wollen, dass in unserem Land Menschen anderen Glaubens oder anderer Herkunft verfolgt und misshandelt werden.

 

Und wer jetzt glaubt, über den Antisemitismus, über den Judenhass sei alles gesagt, der lese bitte weiter. Denn ich frage mich: Wann hört das endlich auf? Es hat nie aufgehört! Nein, nicht mit dem Ende des Zweiten Weltkrieges. Direkt nach dem Krieg, in den 1950er Jahren gab es Antisemitismus. Und in den 60ern und in den 70ern. Als Juden und andere Minderheiten in den 80er-Jahren Ziel rechten Terrors wurden, dachten wir: „Ach, das geht vorbei. Wir leben ja in einer stabilen Demokratie.“ Und dann, nach der Wende, war es ja nur „der rechte Osten“.

 

Heute gedenken wir auch der Opfer von Halle, im Oktober 2019 vor einem Jahr.

 

Und all den anderen Opfern der alltäglichen anti-semitischen und fremden-feindlichen Gewalt der letzten Jahre, Jahrzehnte. Nach dem Anschlag in Halle sollte alles besser werden. Doch die Realität sieht anders aus. Täglich kommt es in Deutschland zu antisemitischen Straftaten. Heute erleben wir wieder einen wachsenden Antisemitismus. Antisemitismus war nie verschwunden, er hatte sich nur versteckt.

 

Offiziell sind alle gegen Judenhass, auch die Antisemiten. Höchstens ein Prozent würden offen von sich behaupten, sie hätten etwas gegen Juden. Niemand der heutigen Generation hat eine Schuld am Holocaust. Aber wir haben alle eine Verantwortung, daraus zu lernen. Ein Teil unserer Kultur, ist eben auch der Antisemitismus und der Rassismus. Wir müssen uns ganz klar sein: Das steckt tief im Denken, ganz tief in unserer Kultur drinnen. Das macht es so gefährlich. Daran sind wir nicht schuld, aber wir haben die Chance und Verantwortung, darüber hinwegzukommen. Zu einer offenen, für alle offenen Gesellschaft zu werden.

 

Wir, wir alle, unsere Gesellschaft, haben helle Seiten unseres Herzens – und wir haben dunkle Seiten.

 

Wenn wir lernen, damit umzugehen, aus der Geschichte zu lernen, diese dunklen Seiten wahrzunehmen, ihnen entgegenzuwirken, gegen Judenhass, gegen Antisemitismus, gegen jede Art von Fremdenfeindlichkeit. Dann haben wir eine Zukunft als Juden, Christen, Muslime und auch als Nichtreligiöse. 

 

Nehmen wir den 9. November. Ausgerechnet der Tag der Opfer, ist unser Hauptgedenktag. Als wären Juden nur Opfer. Seit 82 Jahre - und noch länger. Sie waren und sind Teil unserer Gesellschaft unseres Lebens. Die Opferrolle der Juden wird als Normalität empfunden – beibehalten, Jahr für Jahr.

 

Ja, den Opfern zu gedenken ist wichtig und notwendig. Doch noch ein ganz anderes Signal wäre es, beispielsweise an den Beginn des Aufstands im Warschauer Ghetto anzuknüpfen, oder gemeinsam das Pessach-Fest zu feiern, oder Chanukka – das Lichterfest – oder Schawuot (50 Tage nach Pessach). Oder mal, „einfach so“ …mit „Juden“, vielleicht sogar mit Nachkommen der damaligen Opfer zusammen zu essen, zu reden, in Frieden zu leben.

 

Das ist die Zukunft, die ich mir wünsche und für die ich arbeite und eintrete.

 

Shalom.

Amen.


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